Materialentwicklung unter Innovationsdruck: Kombinatorische PVD beschleunigt Dünnschichtentwicklung um den Faktor 10 bis 100  

Schwäbisch Gmünd, 27. April 2026 – Die Entwicklung neuer Beschichtungen ist für viele Unternehmen ein kritischer und risikoreicher Prozess. Denn sie entstehen noch immer in aufwändigen Einzelschritten mit hohem Zeit-, Material- und Kostenaufwand und ohne Garantie auf ein optimales Ergebnis. Gleichzeitig müssen unter immer kürzeren Innovationszyklen leistungsfähigere und nachhaltigere Dünnschichten immer schneller verfügbar sein. Am fem Forschungsinstitut wurde daher das kombinatorische PVD-Verfahren zur Entwicklung neuer Dünnschichten methodisch ausgebaut, das eine systematische und deutlich effizientere Materialentwicklung ermöglicht.

„Wir überführen die Schichtentwicklung von einem aufwändigen Trial-and-Error-Prinzip in ein systematisches Screening. Damit lassen sich komplexe Materialsysteme in einem Bruchteil der bisherigen Zeit untersuchen“, erklärt Dr. Martin Fenker, Abteilungsleiter Plasma-Oberflächentechnik am fem Forschungsinstitut.

Kern ist das sogenannte Combinatorial Magnetron Sputtering (CMS), bei dem mehrere Magnetron-Sputterquellen gleichzeitig betrieben werden. Durch die gezielte Anordnung der Quellen entstehen definierte laterale Zusammensetzungsgradienten auf einem Substrat.

Dieses Prinzip verwandelt eine einzelne Probe in eine Materialbibliothek: Statt isolierter Einzelversuche entstehen in einem einzigen Prozesslauf eine hohe Anzahl anunterschiedlichen Materialvarianten, die systematisch analysiert werden können. Eigenschaften wie Härte, Korrosionsverhalten oder optische Parameter lassen sich entlang dieser Gradienten direkt der jeweiligen Zusammensetzung zuordnen.

Im Unterschied zur klassischen Entwicklung, die auf iterativer Annäherung basiert, ermöglicht der Ansatz eine gezielte und strukturierte Durchmusterung von Materialsystemen. Der experimentelle Aufwand bzgl. der Schichtabscheidungen reduziert sich mindestens um den Faktor 10 bis 100, während gleichzeitig belastbare Zusammenhänge zwischen Zusammensetzung, Phasenbildung und Funktionseigenschaften entstehen.

Die ortsaufgelöste Charakterisierung – etwa über CIE-Lab-Farbmessungen, instrumentierte Härteprüfungen oder Korrosionstests – erzeugt dabei strukturierte Datensätze. Diese bilden die Grundlage für eine datengetriebene Materialentwicklung und den Einsatz von Methoden der Materialinformatik und Künstlichen Intelligenz.

Die Leistungsfähigkeit des Verfahrens wurde in mehreren Projekten demonstriert. Im EU-Projekt „Coloured Gold“ konnten durch kombinatorisches Co-Sputtern gezielt unterschiedliche Farbzustände in metallischen Schichten erzeugt werden. Entwicklungszyklen für die Schichtabscheidungen verkürzten sich dabei von vielen Jahren auf wenige Monate.

Im IGF-Projekt „RefMagS“ wurde die Methode auf komplexe Metallnitridsysteme übertragen. Hier zeigte sich, dass sich mechanische und chemische Eigenschaften gezielt über den Magnesiumgehalt einstellen lassen. Gleichzeitig konnten systematische Zusammenhänge zwischen Zusammensetzung, Mikrostruktur und Performance identifiziert werden.

Für die industrielle Praxis bedeutet das einen klaren Wettbewerbsvorteil: Unternehmen können Materialsysteme schneller bewerten, Entwicklungsrisiken reduzieren und ihre Time-to-Market signifikant verkürzen.

Ein einziger Beschichtungslauf ersetzt zahlreiche Einzelversuche. Das reduziert Kosten deutlich und erhöht gleichzeitig die Trefferquote bei der Entwicklung neuer Schichtsysteme“, so Fenker.

Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist dieser Ansatz besonders relevant. Ohne eine umfangreiche eigene F&E-Infrastruktur können sie die kombinatorische Schichtentwicklung als vorgelagerte Screening-Plattform nutzen, um geeignete Materiallösungen zu identifizieren, bevor diese in serienrelevante Prozesse überführt werden. Größere Fehlinvestitionen können so vermieden werden.

Der kombinatorische Ansatz ist flexibel skalierbar und auf zahlreiche Anwendungen übertragbar – von verschleiß- und korrosionsbeständigen Schutzschichten über dekorative Oberflächen bis hin zu optischen und funktionalen Beschichtungen sowie Anwendungen in der Energie- und Medizintechnik. Für mittelständische Unternehmen eröffnet der Ansatz damit einen deutlich effizienteren Zugang zu neuen Materialien und verkürzt den Weg von der Idee zur industriellen Anwendung erheblich.

Herstellung einer Gradientenschicht aus Platin (Pt) und Yttrium (Y). © fem Forschungsinstitut

Herstellung einer Gradientenschicht aus Platin (Pt) und Yttrium (Y), um den gesamten Legierungsbereich auf einer Probe abzubilden und deren katalytische Eignung für Brennstoffzellen zu untersuchen. Copyright: fem Forschungsinstitut.

Kupfer-Symposium des Kupferverbandes e.V. zu Gast am fem Forschungsinstitut 

Geballte Kupferkompetenz in Schwäbisch Gmünd

Schwäbisch Gmünd, 17. November 2025 – Rund 120 Fachleute aus Industrie, Forschung und Hochschulen kamen am 12. und 13. November zum 19. Kupfer-Symposium des Kupferverbandes e.V. ans fem Forschungsinstitut in Schwäbisch Gmünd. Im Mittelpunkt standen aktuelle Entwicklungen, Technologien, Prozesse und Anwendungen in den Bereichen Werkstofftechnik, Fertigung und Digitalisierung von Kupfer.

Plattform für den elementaren und zukunftsweisenden Werkstoff

Das Kupfer-Symposium gilt als bedeutendste deutschsprachige Fachveranstaltung zu Kupfer und Kupferlegierungen. In neun Sessions mit 25 Fachvorträgen und zwölf Posterbeiträgen spannte das Programm den Bogen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz über additive Fertigung und Simulation bis hin zu Nachhaltigkeit und Recycling. Veranstalter ist der Kupferverband e.V., technologisches Kompetenzzentrum und Branchenverband der deutschen Kupferindustrie. Gemeinsam mit dem fem, das seit einem Jahrhundert Pionierarbeit in der Kupferforschung leistet, wurde das Symposium erstmals in Schwäbisch Gmünd ausgerichtet.

Kupfer steht heute im Zentrum einer neuen Innovationsphase. Es ist Schlüsselmaterial für Energiewende, Elektromobilität und Digitalisierung“, erklärte Prof. Dr. Holger Kaßner, Institutsleiter des fem. „Das Symposium bot uns die ideale Bühne, unsere Kompetenzen zu präsentieren und zu zeigen, wie wir datengetriebene Materialforschung und nachhaltige Prozesse in konkrete Anwendungen überführen.“

100 Jahre Kupferforschung am fem

Im Rahmen des Symposiums warfen die Gastgeber auch einen Blick in die eigene Geschichte: Die frühesten Aufzeichnungen über Kupferforschung am fem reichen bis ins Jahr 1929 zurück. Sie markieren den Beginn einer Erfolgsgeschichte aus wissenschaftlicher Neugier, technologischem Fortschritt und industrieller Relevanz.

Wie stark diese Tradition bis heute wirkt, zeigten Dr. Miriam Eisenbart, Abteilungsleiterin für Digitalisierung und KI am fem, und Miriam Dürr, Galvaniseurmeisterin und Technische Mitarbeiterin des Instituts. Dr. Eisenbart gab Einblicke in die Entwicklung von der klassischen Werkstoffforschung zu datenbasierten Methoden: Frühere Arbeiten zu neuartigen Kupferlegierungen münden heute in Projekten wie KupferDigital, in denen Materialeigenschaften, Fertigungsprozesse und ökologische Daten verknüpft werden und als Grundlage für einen digitalen Produktpass im Kupferkreislauf dienen.

Miriam Dürr präsentierte aktuelle Forschungsarbeiten zur Optimierung der Wärmeleitfähigkeit von Kupfer, um elektronische Bauteile effizienter zu kühlen und ihre Lebensdauer zu verlängern.

Austausch, Vernetzung und Ausblick

Führungen durch das fem sowie Exkursionen zu regionalen Industriepartnern – darunter Umicore und die Silberwarenfabrik – und eine Abendveranstaltung im Kloster Lorch boten vielfältige Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung. Das nächste Kupfer-Symposium findet 2027, dann in Kooperation mit der RWTH Aachen statt.

Teilnehmende des Kupfer Symposiums am fem Forschungsinstitut. © Thomas Zehnder

Teilnehmende des Kupfer Symposiums am fem Forschungsinstitut. © Thomas Zehnder

Weitere Impressionen:

Strukturen für den Wandel: fem schafft zentralen Fachbereich für Werkstoffcharakterisierung und Bauteilprüfung  

Schwäbisch Gmünd, 22. Oktober 2025 – Mit der Gründung der Abteilung „Bauteil- und Werkstoffcharakterisierung“ bündelt das fem Forschungsinstitut seine Prüf- und Analysekompetenz für Werkstoffe und Bauteile unter einem Dach und schafft eine leistungsfähige Struktur für agile und fokussierte Industriedienstleistung. Damit reagiert das Institut auf die zunehmenden Herausforderungen, die mit dem Transformationsdruck in der Wirtschaft einhergehen. Sei es durch neue Werkstoffe, kürzere Entwicklungszyklen, nachhaltige Prozesse oder steigende Anforderungen an Bauteilperformance und Qualität.

„Der Bedarf in der Industrie verändert sich spürbar. Unternehmen müssen schneller entwickeln, Qualität sichern und Innovation vorantreiben. Deshalb gestalten wir diesen Wandel aktiv mit – durch neue Lösungen, partnerschaftliche Zusammenarbeit und messbaren Mehrwert für die Wirtschaft und den Standort. Wir richten unsere Strukturen, Methoden und Kapazitäten konsequent auf diese industriellen Anforderungen aus“, betont Prof. Dr. Holger Kaßner, Institutsleiter des fem.

Forschung, die sich an Industrievorgaben orientiert

Unter der Leitung von Dr. Andreas Richter konzentriert sich die neue Abteilung auf serielle Prüf- und Analyseverfahren – mit dem Anspruch, Industriekunden vom mittelständischen Unternehmen bis zum Großkonzern verlässlich und zielgerichtet zu unterstützen. Von der atomaren Werkstoffanalyse bis zur Bauteilbewertung stehen modernste Methoden bereit: darunter hochgenaue Analyseverfahren (ICP-OES/MS, GDOES, WD-RFA etc.), Röntgendiffraktometrie (XRD), Rasterelektronenmikroskopie (REM) und 3D-Computertomographie (CT) sowie mechanische Werkstoffprüfungen und Härte- oder Gefügebewertungen mit Mikroskopie.

Der Fokus liegt dabei auf definierten Standards, die reproduzierbare Ergebnisse ermöglichen und sich direkt in die Qualitätssicherung oder Produktentwicklung integrieren lassen. Durch klare, individuelle Vorgaben können auch große Serien effizient und kontinuierlich bearbeitet werden – immer entlang der Kundenanforderungen.

„Wir liefern, was Industrie und Mittelstand brauchen: schnelle Prüfprozesse, belastbare Ergebnisse und klare Standards. Unsere Mess- und Analysetechnik unterstützt Unternehmen dabei, Entwicklungszyklen zu verkürzen, Qualität zuverlässig zu sichern, regulatorische Vorgaben zu erfüllen und Innovationen voranzutreiben. Dabei sind wir ein effizienter Partner – flexibel in der Umsetzung, präzise in den Ergebnissen“, so Dr. Andreas Richter, Abteilungsleiter Bauteil- und Werkstoffcharakterisierung am fem.

Agil, verlässlich und zukunftsfähig

Die neue Struktur ist Teil eines übergeordneten Transformationsprozesses am fem Forschungsinstitut: Ziel ist es, die eigenen Stärken konsequent an den Bedarfen der Wirtschaft auszurichten. Die gebündelte Methodenvielfalt und das vernetzte und interdisziplinäre Know-how am Institut ermöglichen es, auch komplexe Fragestellungen effizient zu bearbeiten und Ergebnisse mit direktem Mehrwert für Forschung und Entwicklung, Qualitätssicherung oder Zulassung zu liefern.

Einladung an Politik und Wirtschaft

Die Reorganisation des Instituts ist ein Statement: Für Forschung mit Wirkung. Für agile Strukturen im öffentlichen Forschungssektor. Und für einen kooperativen Schulterschluss von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, um Innovationskraft dort zu verankern, wo sie gebraucht wird – in der Fläche, im Mittelstand, in den Regionen.

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Prof. Dr. Holger Kaßner, Institutsleiter mit Dr. Andreas Richter, Abteilungsleiter Bauteil- und Werkstoffcharakterisierung. (v.l.n.r.); Copyright: fem Forschungsinstitut.

Über das fem

Das fem Forschungsinstitut in Schwäbisch Gmünd zählt seit 1922 zu den führenden Instituten für die Erforschung, Entwicklung und Analyse von metallischen Werkstoffen und Beschichtungen. Darüber hinaus ist es das weltweit einzige unabhängige Edelmetallinstitut. Ziel der Aktivitäten der rund 100 Beschäftigten auf den Gebieten der Materialwissenschaft, Metallchemie und Oberflächentechnik sind maßgeschneiderte und zukunftsweisende Lösungen für kleine und mittlere Unternehmen sowie die Industrie.